• ©Martin Grassberger

Wilde Weiden - Landschaft im Wandel

Die Wilden Weiden sind ein zentraler Schwerpunkt im Naturpark Leiser Berge. Hier entsteht eine Landschaft, die sich weitgehend selbst entwickeln darf – begleitet von großen Pflanzenfressern und natürlichen Prozessen.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Solche Landschaften sind im Weinviertel nichts Neues. Einst prägten Wildpferde, Auerochsen und Wisente das Bild – sie hielten Flächen offen und sorgten für eine vielfältige Struktur. Später übernahmen Nutztiere wie Rinder, Pferde und – in jüngerer Zeit – auch Schafe diese Rolle.

Mit der Intensivierung der Landwirtschaft ab der Mitte des 20. Jahrhunderts verschwanden Weidetiere jedoch zunehmend aus der Landschaft. Viele Flächen wurden einheitlicher, Übergänge seltener – und damit auch die Vielfalt.

Die Wilden Weiden knüpfen heute wieder an diese Entwicklung an: Durch Beweidung, Bewegung und Veränderung entsteht Schritt für Schritt eine abwechslungsreiche Landschaft. Offene Flächen wechseln sich mit Gebüschen und einzelnen Bäumen ab – ein Mosaik, das vielen Pflanzen- und Tierarten Lebensraum bietet.

Vorgestern – als große Pflanzenfresser die Landschaft prägten

Lange bevor der Mensch die Landschaft intensiv nutzte, war das Weinviertel von einer dynamischen, halboffenen Landschaft geprägt. Wildpferde, Auerochsen und andere große Pflanzenfresser hielten Flächen offen, schufen Übergänge und sorgten für ständige Veränderung.

So entstand eine abwechslungsreiche Landschaft mit einem Nebeneinander von Grasland, Gebüschen und lichten Baumgruppen – ideale Bedingungen für eine hohe Vielfalt an Arten.

Wer tiefer in diese Zeit eintauchen möchte, findet in der Dauerausstellung im MAMUZ Schloss Asparn an der Zaya spannende Einblicke.

Gestern – Nutzung, die Landschaft formt

Über Jahrhunderte hinweg übernahm der Mensch die Rolle der großen Pflanzenfresser. Durch Beweidung, Mahd und kleinräumige Nutzung blieb die Landschaft offen und vielfältig.

Gerade die Leiser Berge – rund um Buschberg und Oberleiser Berg – wurden lange Zeit als Hutweiden genutzt. Weidetiere hielten die Flächen frei und schufen jene strukturreiche Landschaft, die wir heute noch in Resten erkennen können. Wacholder, Weißdorn und andere typische Arten zeugen bis heute von dieser Nutzung. Auch die Wacholderheiden sind ein sichtbares Erbe dieser Zeit und prägen als besondere Lebensräume den Naturpark.

Neben Rindern und Pferden spielten auch Schafe eine wichtige Rolle in der traditionellen Weidewirtschaft. Sie kamen mit den ersten bäuerlichen Kulturen nach Mitteleuropa und ergänzten die Nutzung der Landschaft über viele Jahrhunderte hinweg. In vielen Weinviertler Ortschaften erinnern zudem noch sogenannte Triftwege an diese Vergangenheit – Wege, über die das Vieh täglich zu den Weideflächen getrieben wurde.

Mit der Intensivierung der Landwirtschaft und dem Rückgang traditioneller Nutzungsformen gingen viele dieser Strukturen verloren. Flächen wurden einheitlicher, Übergänge seltener – und mit ihnen auch zahlreiche spezialisierte Arten.

Schon gewusst? Die „Hoida“

Früher trieben sogenannte „Hoida“ – Halter oder Viehhalter – das Vieh der Ortschaften auf gemeinschaftlich genutzte Hutweiden. Bis heute erinnern Flurnamen wie Hirtenberg, Viehtrift oder Halterberg an diese Form der Landnutzung. Auch alte Triftwege, Wacholderheiden und Trockenrasen erzählen von der langen Weidegeschichte der Leiser Berge.

Heute – Vielfalt durch Bewegung

Heute knüpfen die Wilden Weiden im Naturpark Leiser Berge an diese Dynamik an. Eine eigene Naturschutzherde, betreut von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Naturparks, übernimmt dabei die Rolle der großen Pflanzenfresser.

Zum Einsatz kommen robuste Rassen, die mit unterschiedlichen Lebensräumen und Bedingungen gut zurechtkommen: Konikpferde, Tux-Zillertaler Rinder, Hausesel und Wasserbüffel bilden den Kern unserer Naturschutzherde. Für kleinere und schwer zugängliche Flächen kommen zusätzlich Waldschafe zum Einsatz.

Durch ihr Zusammenspiel entsteht eine vielfältige, lebendige Landschaft: Offene Bereiche, blütenreiche Flächen, Gebüsche und strukturreiche Übergänge wechseln einander ab. Die Tiere gestalten die Landschaft nicht gezielt – sie folgen ihren natürlichen Verhaltensweisen. Genau daraus entsteht jene Dynamik, die den Charakter der Wilden Weiden ausmacht.

Die Wilden Weiden in Zahlen

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    Weidetiere
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    naturnah beweidete Lebensräume in ha
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    Weidetierarten

So funktionieren die Wilden Weiden

Die Beweidung im Naturpark folgt keinem starren Schema, sondern orientiert sich an den Bedürfnissen der Flächen und der Tiere.

Von Frühling bis Herbst unterwegs
Ab März oder April kommen die unterschiedlichen Herden in ihre Einsatzgebiete. Diese Flächen sind jeweils temporär mit Elektrozäunen gesichert. Nach der Beweidung werden die Zäune wieder entfernt – oft bleibt nur an den Spuren der Tiere erkennbar, dass hier Beweidung stattgefunden hat.

Im Laufe des Jahres wechseln die Tiere mehrmals ihre Standorte. Je nach Herde und Aufgabe kommen sie auf unterschiedlichen Flächen zum Einsatz – von Trockenrasen und Wacholderheiden über lichte Waldweiden bis hin zu Feuchtgebieten.

Unterwegs für die Landschaft
Durch dieses gezielte „Wandern“ entsteht eine abwechslungsreiche Nutzung: Manche Bereiche werden stärker beweidet, andere bleiben länger unberührt. Genau diese Dynamik sorgt für die Vielfalt der Landschaft.

Winterruhe in Ernstbrunn
Mit dem Wintereinbruch kehren die Tiere in ihr Winterquartier in Ernstbrunn zurück. Auch dort leben sie überwiegend im Freien. Dank ihres dichten Winterfells – das auch Rinder und Pferde ausbilden – sind sie gut an die kalte Jahreszeit angepasst.

Im Winterquartier stehen zusätzliche Unterstände zur Verfügung, und bei Bedarf werden die Tiere mit Heu versorgt.

Begegnungen mit den Tieren der "Wilden Weiden"

Vielleicht begegnen Sie unseren Weidetieren bei Ihrer Wanderung – hier finden Sie wichtige Hinweise:

Wilde Weiden erleben

Unsere Weidetiere sind im Naturpark auf wechselnden Flächen unterwegs. Wo sie gerade grasen, richtet sich nach den Anforderungen der jeweiligen Flächen, dem Futterangebot und vielen weiteren Faktoren. Deshalb geben wir ihre aktuellen Standorte nicht immer bekannt – auch zum Schutz und für die nötige Ruhe der Tiere.

Wer im Naturpark unterwegs ist, kann also durchaus unverhofft vor einer unserer Weideflächen stehen. Eine Begegnung mit den Tieren lässt sich aber weder planen noch garantieren. Wer die Idee der Wilden Weiden gezielt erleben und mehr über Rewilding und natürliche Prozesse erfahren möchte, findet dazu besondere Angebote im Naturpark.

3 Esel auf grasend auf einer Weidefläche mit Bäumen im Hintergrund
©Hans Gumpinger

Wo Weidetiere unterwegs sind, hinterlassen sie Spuren – und bringen Bewegung in die Landschaft.

Landschaft braucht Bewegung

Wilde Weiden sind mehr als Flächen, auf denen Tiere grasen. Pferde, Rinder, Schafe, Esel und Wasserbüffel wirken auf vielfältige Weise auf ihre Umgebung ein. Sie fressen, treten, transportieren Samen, hinterlassen Dung und nutzen Gehölze und Gewässer. So entsteht immer wieder Veränderung – und mit ihr ein vielfältiges Mosaik unterschiedlicher Strukturen und Lebensräume.

Das Entscheidende ist das Zusammenspiel: Wilde Weiden schaffen kein gleichförmig gepflegtes Landschaftsbild. Fraß, Tritt, Dung, Samenverbreitung und das Verhalten der Tiere sorgen dafür, dass sich die Landschaft immer wieder verändert – und genau diese Dynamik schafft Raum für Vielfalt.

Was unter unseren Füßen passiert: Ein großer Teil des Kohlenstoffs in Grünlandökosystemen ist im Boden gespeichert. Auch Weidetiere beeinflussen dieses komplexe System: Fraß, Tritt und Dung wirken auf Vegetation, Wurzelwachstum, Bodenorganismen und Nährstoffkreisläufe. Studien zeigen, dass extensive Beweidung die Speicherung von Kohlenstoff im Boden fördern kann.

©Hans Gumpinger

Eine Maßnahme – viele Gewinner

Von offenen Bodenstellen und Dung bis zu unterschiedlich hoher Vegetation und lichten Übergängen: Die Wilden Weiden schaffen vielfältige Strukturen und Lebensräume. Davon profitieren unter anderem Wildbienen und Dungkäfer, spezialisierte Tagfalter und Ziesel sowie Offenlandvögel wie Wiedehopf und Ziegenmelker.

Arten und Lebensräume der Leiser Berge entdecken

Wilde Weiden & Rewilding

Rewilding bedeutet, natürlichen Prozessen wieder mehr Raum zu geben. Im Naturpark Leiser Berge setzen wir diesen Gedanken mit den Wilden Weiden um: Große Pflanzenfresser gestalten die Landschaft durch Fraß und Verbiss, Tritt, Dung, Samenverbreitung und ihr natürliches Verhalten.

Dabei geht es nicht darum, eine Landschaft aus der Vergangenheit nachzubauen oder ein bestimmtes Landschaftsbild dauerhaft zu erhalten. Wir schaffen Bedingungen, unter denen ökologische Prozesse wieder stärker wirken können – und damit Raum für Veränderung und Vielfalt.

Die Wilden Weiden verbinden so die lange Geschichte unserer Kulturlandschaft mit einem modernen Ansatz im Naturschutz.

Das tierische Team

Pferde fressen anders als Rinder, Esel haben andere Vorlieben als Schafe und Wasserbüffel fühlen sich dort wohl, wo es anderen längst zu nass wird. Genau diese Unterschiede machen die Vielfalt unserer Naturschutzherde aus.

Konikpferde, Tux-Zillertaler Rinder, Waldschafe, Esel und Wasserbüffel übernehmen im Naturpark Leiser Berge unterschiedliche Aufgaben. Durch ihr Fraßverhalten, ihren Tritt und ihre Bewegung gestalten sie ihre Umgebung – und tragen dazu bei, ein vielfältiges Mosaik aus offenen Flächen, Gehölzen, Feuchtbereichen und anderen Strukturen entstehen zu lassen.

Alte Haustierrassen bringen wertvolle Fähigkeiten mit: Sie sind robust, anpassungsfähig und kommen mit den hiesigen Bedingungen und Lebensräumen gut zurecht. Genau diese Verbindung zwischen alten Haustierrassen und Landschaftspflege ist Gegenstand eines österreichweiten Projekts.

Weiterlesen & Vertiefen

Wer tiefer in die Themen Rewilding, Weidelandschaften und natürliche Prozesse eintauchen möchte, findet hier ausgewählte Bücher und Fachliteratur, die auch unsere Arbeit im Naturpark begleiten.

  • P. Jepson & C. Blythe: Rewilding – The Radical New Science of Ecological Recovery

    Ein verständlicher Einstieg in die Idee des Rewildings: Statt bestimmte Landschaftszustände zu bewahren, rücken natürliche Prozesse, ökologische Dynamik und die Fähigkeit der Natur zur Selbstgestaltung in den Mittelpunkt. Nur auf Englisch erhältlich.
  • I. Tree: Wildes Land - Die Rückkehr der Natur auf unser Landgut

    Die Geschichte eines außergewöhnlichen Rewilding-Projekts in England: Isabella Tree erzählt, wie auf ehemals intensiv bewirtschafteten Flächen durch natürliche Prozesse und große Pflanzenfresser eine vielfältige, dynamische Landschaft entstehen konnte.
  • J. Haft: Wildnis - Unser Traum von unberührter Natur

    Jan Haft zeigt, dass artenreiche Wildnis nicht nur dichter Wald bedeutet. Große Pflanzenfresser, offene Flächen und natürliche Dynamik spielen eine entscheidende Rolle für vielfältige Landschaften und ihre Artenwelt.
  • A. Stein & A. Fedele: Rewilding - Bringing Wildlife Back Where It Belongs

    Ein Kinderbuch über eine große Idee: Anschaulich und kindgerecht zeigt „Rewilding“, wie Tiere, Pflanzen und natürliche Prozesse dabei helfen können, Ökosysteme wieder vielfältiger und lebendiger werden zu lassen. Nur auf Englisch erhältlich.
  • M. Grassberger: Regenerativ - Aufbruch in ein neues ökologisches Zeitalter

    Ein Plädoyer für einen neuen Blick auf Natur und lebendige Systeme: Martin Grassberger zeigt, warum es nicht reicht, Bestehendes nur zu erhalten, und stellt Regeneration, natürliche Prozesse und die Selbstorganisation komplexer Ökosysteme in den Mittelpunkt. Martin Grassberger begleitet den Naturpark Leiser Berge auch als fachlicher Partner und bringt seine Perspektive auf regenerative Prozesse und lebendige Systeme in unsere Arbeit ein.
  • Goderie/Helmer/Kerkdijk-Otten/Widstrand: The Aurochs - Born To Be Wild

    Das Buch erzählt die Geschichte des Auerochsen und zeigt, welche Rolle große Rinder als Landschaftsgestalter spielen. Der Autor Ronald Goderie begleitet auch unsere Wilden Weiden als wichtiger fachlicher Partner: Von seiner langjährigen Erfahrung mit naturnaher Beweidung und Rewilding lernen wir viel und stehen dazu in regelmäßigem Austausch. Nur auf Englisch erhältlich.
  • P. Poschlod: Geschichte der Kulturlandschaft

    Eine Reise durch die Geschichte unserer Kulturlandschaft: Peter Poschlod zeigt, wie Landwirtschaft und traditionelle Nutzungsformen über Jahrhunderte vielfältige Lebensräume geschaffen haben – und warum viele davon heute gefährdet sind.
  • Hoffmann/Krawczynski/Wagner: Wasserbüffel in der Landschaftspflege

    Ein praxisnaher Einblick in den Einsatz von Wasserbüffeln in der Landschaftspflege: Das Buch beleuchtet ihre besonderen Eigenschaften und zeigt, welche Rolle die robusten Weidetiere bei der Gestaltung und Pflege von Feuchtlebensräumen übernehmen können.
  • V.I.N.C.A.: Ausgerollt - Förderung artenreicher Weideflächen

    Der Folder zeigt, warum naturnahe Weiden wertvolle Lebensräume sind und welche wichtige Rolle Dungkäfer für gesunde Weideökosysteme spielen.